Die Fotografie ist meine erste große Liebe

Michael und Benjamin Wissing

Eine kleine, unbedeutende Geste

Wer laut über Schönheit nachdenkt, muss im Verdacht der Gefühllosigkeit stehen, als wollte er sie mit Gewalt nicht sehen, die Fliehenden, die überfüllten Boote, in Lastwagen Erstickten, die Menschen hinter Stacheldrähten und die Mordbanden, die im Namen der Religion Köpfe abschneiden. Das schlimmste passiert gerade jetzt, und natürlich ist es nahezu blamabel, so zivilisiert hier zu stehen, als passierte es nicht. Wie also den Übergang finden, wie sich hinüberretten zur Schönheit?

Bei den Gedanken zu dieser Ausstellung und den Überlegungen mit welchen Worten ich sie eröffnen sollte, verlangte es mich danach so wie der große Erzähler Daniel Kehlmann einen Einstieg zu wählen, der den prekären Zustand unserer eigentlich doch so schönen Welt, wenn schon nicht in Gänze erfasst, so doch zumindest pointiert kommentiert.

Allein, die Auswahl an möglichen Themen – vom weltweit keimenden Faschismus über unzählige unendlich dauernde Kriege bis hin zu Armut, Angst und Aggression – die Auswahl ist derart erschlagend, dass ich keinen Zugang fand. Was also sagen? Worüber sprechen hier mit euch?

Wenn ich in der Fotografie und speziell in der analogen Fotografie eines gelernt habe, dann, dass es einen Zeitpunkt im Schaffensprozess gibt, an dem man inne halten und zurücktreten muss. Nur durch Distanz entsteht die Möglichkeit, dass sich eine neue Perspektive auftut

All die Dunkelheit, die sich scheinbar über die Welt legt, all die schlechten Menschen und Gedanken können nur dann besiegt werden, wenn wir Ihnen die Schönheit entgegenstellen, denn nur dann sehen wir für einen kurzen Moment, wie wunderbar die Welt sein kann.

Wovon also sollte ich sprechen?
Lasst es uns mit dem Schönsten versuchen, das diese Welt bereithält. Lasst uns für diesen Moment, den radikalsten Ansatz wählen und so größtmögliche Distanz schaffen zwischen hier und all dem da draußen.

Lasst es uns mit der Liebe versuchen!
Die Fotografie ist meine erste große Liebe.

Sie ist ein Handwerk, ist kompliziert, ist teuer, benötigt technisches, ästhetisches und inszenatorisches Wissen und viel, viel Übung. Eine Prise Talent schadet sicher auch nicht.

Man muss einen klaren Plan haben, eine Strategie und ein deutliches Bild davon, wie das Ergebnis – egal ob Einzelmotiv oder Serie - am Ende aussehen soll.

Ich lernte meine Liebe kennen, da war die Sauberkeit des Motivs unabdingbar. Retusche war, im Gegensatz zu heute, nur eingeschränkt umsetzbar und zudem kostete sie ein kleines Vermögen.

Der Prozess des analogen Fotografierens folgt stets dem gleichen Muster und ist dennoch immer anders.

Das Zusammenfügen der Einzelteile der Kamera – Mattscheibe, Balgen, optische Bank, Objektive und Kassetten – die  Konzentration bei der richtigen Platzierung des Stativs und die Präzession beim Arrangieren des Motivs. Die Kassette muss eingelegt, die Belichtungszeit und die richtige Blende eingestellt werden und dann folgt der schönste Teil der Arbeit.

Wenn man das schwarze Tuch nimmt und es über die Kamera und den eigenen Kopf legt, verschwindet man für einen kurzen Moment aus der Welt und ist mit sich selbst alleine. Es gibt ein Außen und ein Innen, die beide unabhängig voneinander existieren. Unter dem Tuch steht die Zeit still. Durch die Mattscheibe steht alles auf dem Kopf. Ich beobachte von dort das Außen und mache mir ein Bild von den Dingen. Das hat etwas sehr Beruhigendes, Meditatives an sich.

Mehr als einmal versteckte ich mich unter dem Tuch, schloss mitten in der Produktion die Augen und hielt inne. Um mich neu zu ordnen, in mich hinein zu fühlen oder einfach um dem nervigen Art Direktor zu entkommen, der für einen Tag im Studio war und nichts von dem verstand, was Fotografie ausmacht oder wie sie funktioniert.

Analoge Fotografie beinhaltete auch immer die Möglichkeit den Beruf des Fotografen souverän auszuüben, eben weil sie nicht jeder verstand.

Irgendwann, wenn alle Teilschritte sich fügen und es auf den Höhepunkt hinausläuft, wenn alles perfekt ist, dann mache ich eine kleine, unbedeutende Geste. („Abdrücken“). Das wars.

Die belichteten Kassetten treten sodann ihren Weg ins Labor an, werden dort entwickelt und abgestimmt und nach 2-3 Tagen, erst ganz am Ende des gesamten Prozesses, kann man wirklich sehen, ob die eigene Idee funktioniert und der Plan zu ihrer Verwirklichung aufgegangen ist.

Die Zeit des Wartens auf das Ergebnis entfernt und schafft die Möglichkeit zurückzutreten und mit neuer Perspektive auf das eigene Schaffen zu sehen, es einzuschätzen, Fehler zu erkennen und an ihnen zu wachsen.

In dieser Langsamkeit des Analogen, in dem Weg aus vielen Teilschritten, in der Unabänderlichkeit der Dinge, ab einem gewissen Zeitpunkt und dem gespannten Warten auf das Ergebnis liegen die Wohl größten Unterschiede zur digitalen Fotografie.

Die Möglichkeit des permanenten, reaktiven Eingriffs in den Entstehungsprozess eines digitalen Bildes und der ständige Gebrauch davon, entfernt den Fotografen mit jedem Einsatz dieser Möglichkeit weiter von der ursprünglichen Idee, dem inneren Bild und der emotionalen Tiefe, die eine Fotografie besitzen kann. Mit jedem Eingriff, mit jedem Nachjustieren ein klein wenig mehr. Digitale Bilder sind ausschließlich gedacht hergestellt und nicht gefühlt.

Die Fähigkeit zum Unterscheiden zwischen echt und maschinell, zwischen lebendig und kalt wird eines Tages so gut wie abhanden kommen. Dann wenn es keine Generation mehr gibt, die ohne digital generierte und verfremdete Inhalte aufgewachsen ist, werden nur wenige feinfühlige BetrachterInnen spüren, dass eine analog entstandene Fotografie mehr Tiefe, mehr Echtheit, mehr Seele hat.

Die Fotografie hat mir einen Weg gezeigt zu verarbeiten, zu analysieren und zu bewerten indem ich mir durch die zeitliche Distanz des Prozesses und die Räumliche Distanz der Kamera ein Bild von den Dingen machen konnte.

Die Fotografie drückt aus, was ich fühle, was ich wahrnehme und verschafft mir Ruhe im Herzen. Und das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb sie meine erste große Liebe ist.

Michael Wissing

Eindrücke von der Vernissage fotografiert von Felix Groteloh

Galerie der kleinen Künste
Donnerstag 10 bis 15 Uhr
Freitag 15 bis 18 Uhr
Samstag 12 bis 15 Uhr

www.kleine-kuenste.de

 
Christian Hodeige